Elefantentreffen


40 Jahre nach seiner ersten Teilnahme am Elefantentreffen hat sich Yvon Bodelot von Touratech Frankreich aus auf den Weg gemacht, um im tiefverschneiten Bayerischen Wald unter Gleichgesinnten zu campieren.

Text: Didier Bouard   Fotos: Didier Bouard, Archiv Yvon Bodelot

Worauf habe ich mich da nur eingelassen?« Jeder, der einmal zum sagenumwobenen Elefantentreffen gefahren ist, hat sich unterwegs mindestens einmal diese Frage gestellt. Ende Januar mit dem Motorrad nach Deutschland zu fahren – das war noch nie eine einfache Sache und wird es niemals sein. Vor allem, wenn man schon bei der Abfahrt in der Provence die erste Begegnung mit dem Schnee hat, und weiß, dass noch 1200 Kilometer vor einem liegen. 

Glücklicherweise ist nur das mittlere Rhônetal vom Schneeeinbruch betroffen, und für den Fall der Fälle haben wir in unseren Zega Koffern alles dabei, was wir brauchen, um die Reifen mit Spikes zu bestücken. Man kann nie vorsichtig genug sein; sollen uns doch die anderen für verrückt halten. Ehrlicherweise muss man aber zugeben, dass man heutzutage weniger Ruhm mit diesem Reiseabenteuer ernten kann, als noch vor 40 Jahren.

Yvon Bodelot weiß das aus eigener Erfahrung: Lange Zeit bevor er Touratech Importeur in Frankreich wurde, war er 1977 als passionierter Biker zum Elefantentreffen gefahren. »Ich fuhr eine Norton 850 Commando und trug eine Barbour-Jacke, die ich im Bereich des Oberkörpers mit Zeitungspapier ausgestopft hatte, Fäustlinge aus gewendetem Lammfell, Strümpfe aus dicker Wolle, das Ganze gekrönt – mehr Luxus geht nicht! – durch einen der ersten Integralhelme.« Zugegeben, der Wind pfiff überall durch, aber der Helm war immerhin mit einem echten Visier ausgestattet statt mit einer Climax-Motorradbrille.

Im Vergleich dazu ist es heutzutage schlimmstenfalls ein bisschen kühl. Aber mit unseren Companero Anzügen aus 3-Lagen-Goretex-Laminat mit Polartec-Futter, unseren Destino Stiefeln mit Innenschuh, den Händen an den beheizbaren, mit Stulpen geschützten Griffen beschleicht uns fast das Gefühl, dass wir uns zu Unrecht als Puristen ausgeben. Wenn ich nur daran denke, dass mittlerweile im Katalog beheizbare Sitzbänke und Heizwesten zu finden sind!

Die Kälte macht uns demütig. Sofern man nicht sehr viel Zeit zur Verfügung hat, beschränkt sich eine Fahrt zum Elefantentreffen auf eine lange Anreise auf der deutschen Autobahn – von deren Streckenabschnitten ohne Geschwindigkeitsbegrenzung ausländische Fahrer nur so schwärmen. Im Sommer auf einem Supersportler kann man das sicher genießen. Aber im Winter, am Lenker einer Reiseenduro, so leistungsstark sie auch sein möge, übt man sich eher in Demut. Das kleinste Überholmanöver auf der linken Spur macht man immer mit der Sorge, dass plötzlich hinter einem eine gut motorisierte Limousine auftaucht.

Deswegen schneller fahren? Die Fahrt zum Elefantentreffen ist kein Sprint, sondern ein Marathon, bei dem das Energiemanagement des Fahrers auf Langstrecke ausgelegt ist. Gemäß dem Windchillprinzip – wir sind bei einer Umgebungstemperatur von 0 Grad einer Windgeschwindigkeit von 130 km/h ausgesetzt –, beträgt am Ende des Tages die gefühlte Temperatur minus 12 Grad. Als dann aber die Sonne untergegangen ist, fällt die auf dem Bordthermometer angezeigte Temperatur innerhalb einer knappen halben Stunde um weitere sechs Grad. Und mitten in der Nacht beträgt sie sogar minus 15 Grad.

20 Jahre! Es ist schon 20 Jahre her, dass wir nicht mehr hierher gefahren sind, ins Herz des Bayerischen Waldes, der als eine der kältesten Regionen Deutschlands gilt. Immer noch mit der gleichen Erregung fahren wir an mehreren hundert Maschinen vorbei, die schräg am Rande der kleinen Zufahrtsstraße zur Ortschaft Loh parken, bis wir auf einer großen, amphitheaterförmigen Lichtung zum Stehen kommen. Dort erscheint durch den herben Rauch des Lagerfeuers hindurch ein surrealistisches Bild aus Hunderten, mitten im Schnee aufgestellten Zelten: Herzlich Willkommen bei einem der ältesten, berühmtesten und größten Wintertreffen der Welt!

Die Zeit der Exzesse ist vorbei!  
Genau hierher muss man fahren, um zu sehen, wie das Hinterrad eines Bikes eine Kreissäge antreibt. Um auf eine Badewanne zu treffen, die ein Sauberkeitsfanatiker an sein Motorrad angehängt hat oder um sonstige handwerkliche Konstruktionen vom gleichen Schlag bewundern zu können.

In diesem Camp begegnet man mehr einstigen Stars als neuen Motorrädern. Die Gefahr, dass man umfallen kann, besteht allemal – na, dann besser mit einer alten Maschine… Aber es gibt weniger Besucher als früher, und man sieht auch viel weniger verrückte Motorräder als in den vergangenen Jahren. Jean-Claude Vogel, ein anderer Franzose aus dem Departement Charente Maritime, der zum 36. Mal in Folge (!) auf einem Motorrad mit Seitenwagen Marke Eigenbau hierher gefahren ist, trauert den alten Zeiten nach: »Das ist wirklich schade, weil die verrückten Kisten einfach dazu gehörten. 2015 wurden viel strengere Zugangsregeln eingeführt, nachdem im Jahr davor Polizei und Feuerwehr mehrfach eingreifen mussten. Nur noch zwei- und dreirädige Fahrzeuge, die eigenständig über das Straßennetz hierher fahren und die auch versichert sind, erhalten Zugang zum Gelände.«

Vorbei sind die Zeiten der großen Veranstaltungszelte, in denen das Fest viel zu häufig zur Zecherei ausartete. Feuerwerke und Sirenen sind jetzt ebenfalls verboten. Kurz gefasst: Die Zeit der Exzesse liegt hinter uns. Und zweifelsohne war die Regulierung nötig, um den Fortbestand dieser winterlichen Veranstaltung zu sichern, die in der Vergangenheit bereits ernsthaft gefährdet war.
Sind die Elefanten jetzt weniger ausgeflippt, dafür aber geselliger?

Sicherlich. Unsere Kontakte zu den Nachbarn sind herzlicher und interessanter, als sie es in unserer Erinnerung waren. Die einen bieten uns etwas zu trinken oder zu essen an, die anderen befragen uns zu unserer Herkunft und zu unserem Equipment. Das klingt nach einer Rückkehr zur echten Biker-Kameradschaft. Schade, dass die makellose Sauberkeit mancher Maschinen keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass sie vom Anhänger oder aus dem Transporter nur eine Kurzstrecke bis zum Treffen gefahren sind. Das beweist wohl, dass es trotz der Verfügbarkeit von leistungsstärkerem Equipment immer noch nicht jedermanns Sache ist, mitten im Winter das Wagnis dieser Reise auf sich zu nehmen. Während anderen, die aus Russland, Spanien oder England auf Achse anreisen, immer noch größter Respekt gebührt.

Elefantentreffen 2018
Das Elefantentreffen 2018 findet vom 2. bis 4. Februar 2018 wieder in Thurmansbang-Solla/Loh statt. Weitere Informationen gibt es beim Bundesverband der Motorradfahrer e.V. unter www.bvdm.de 

1977 zum ersten mal dabei
Vor genau 40 Jahren besuchte Yvon Bodelot zum ersten Mal ein Elefantentreffen – damals noch am Nürburgring. Die Ausrüstung war dürftig, die Stimmung auf dem Treffen trotzdem unvergesslich.

Kategorie: Adventure | Travel